Unveröffentlichte Texte

An dieser Stelle können Sie jeweils aktuelle Beiträge von mir lesen.

 

 

Zuerst meine Haiku-Versuche:

 

Loslassen können

werde ich lernen müssen

wenn ich sterben will

 

und

 

 

Nichts - ausser mir selbst

bringe ich mit als Geschenk

Doch - was willst Du mehr

 

 

 

 

 


"Was ist Dein Stil ?"


Können Sie diese Frage beantworten? Ich muss bekennen, dass ich damit Probleme habe. Meine Bezugspersonen werden möglicherweise in der Lage sein zu beschreiben, wie Sie mich, meine Einstellungen und Haltungen, meine Verhaltensweisen und gegebenenfalls auch mein Erscheinungsbild wahrnehmen und bezogen auf andere Menschen einordnen. Ich selber erlebe mich nicht als Darsteller einer Stilrichtung.


Die Kinder- und Jugendlichenbeilage ("fludder") der Badischen Zeitung hat seit einigen Jahren eine Kolumne mit der Bezeichnung "Stilfrage" . Dafür interviewt eine Mitarbeiterin der südwestdeutschen Tageszeitung "regelmäßig junge Menschen aus der Region" ,und veröffentlicht deren Antworten (www.fudr.fr/stil.de) . Die Eingangsfrage lautet : "Was ist Dein Stil?" Eine Inhaltsanalyse dieser Selbstauskünfte ermöglicht Einblicke in das Selbstverständnis und das Menschenbild der Befragten im Alter zwischen 14 und 29 Jahren .


Zuerst und vor allem wird deutlich, dass die jungen Menschen keine Probleme haben, die Frage zu beantworten. Sie scheinen gleich zu wissen, was gemeint ist und sind gern bereit, darüber Auskunft zu geben. Auffallend ist, dass es ausschliesslich um Kleidung geht, die offenkundig mit genauen Vorstellungen von den damit zusammenhängenden Lebensstilen verbunden ist. Die Jugendlichen sind sehr kompetent, bezogen auf die gerade angesagten, zumeist englisch sprachig bezeichneten, Moden und die diese verkaufenden Bekleidungsfirmen. In scheinbarem Gegensatz dazu, ist es durchgängig allen Befragten wichtig zu betonen, dass sie eine ganz persönlichen, individuellen Bekleidungsstil pflegen und sich damit von Anderen abzugrenzen. So antwortet eine 17 jährige Schülerin aus Freiburg (B.Z. 15.11.2012) :" Mein Stil ist eine bunte Mischung aus lässigem ...-Style, alternativem ...- und coolem ... -Look. Die Kleidung ist bei mir stark durch meine Interessen geprägt, da Stil für mich ein Lebensgefühl widerspiegelt... So wie mein Lebensstil ist auch meine Kleidung ganz ungezwungen." Derartige Aussagen sind typisch für die Befragten und wiederholen sich über die Befragungsjahre hinweg.

 

Die jungen Menschen geben an, sich selbst, ihren Lebensstil und ihr Lebensgefühl durch die von ihnen erworbene und sorgfältig zusammengestellte Bekleidung zu definieren. "Ich kommuniziere mein Selbstverständnis über mein Erscheinungsbild". Die Performance gibt Auskunft über den Menschen hinter und unter der Kleidung. Nun, werden manche sagen, war das nicht immer so? Sagt nicht schon der so genannte Volksmund "Kleider machen Leute"? War Bekleidung nicht immer schon wichtig als Unterscheidungsmerkmal von sozialem Status und damit auch zur Selbstdarstellung? Das ist sicher wahr. Allerdings mit einem entscheidenden Unterschied. Uniformierte Kleider symbolisieren Gruppenzugehörigkeiten. Uniformträger erhalten und demonstrieren ihren sozialen Status und das damit verbundene Selbstverständnis durch eben diese Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe. Uniformen wurden weitgehend abgeschafft. Der moderne Mensch erlebt sich als frei und unabhängig. Ihm ist es wichtig, seine Freiheit zu demonstrieren. Dazu nutzt er die Bekleidung, die von der Bekleidungsindustrie so vermarktet wird, dass sie individuell kombinierbar wird. So sagen die meisten der befragten jungen Leute , dass es ihnen sehr wichtig ist , sich mich ihrem persönlichem Stil abzugrenzen.

 

Das traditionelle Verständnis des Begriffes "Stil" (z.B. in der Kunst) fasst Merkmale unter bestimmten, zumeist zeitlich begrenzten, Bezeichnungen zusammen und sondert diese damit ab, von anderen Stilen. Das in unserem Zusammenhang zum Ausdruck kommende Verständnis betont die eigene Individualität, nach dem Motto "Ich habe einen ganz besonderen einmaligen Stil". Der als persönlich erlebte Bekleidungsstil bestimmt wesentlich das Selbstverständnis, das wiederum durch Selbstdarstellung zum Ausdruck gebracht wird. Wie ist das möglich , wenn dabei bevorzugt, die auf dem Markt angebotenen Produkte des Massenkonsums benutzt werden? Die Antwort ist einfach. Der persönliche, individuelle Stil wird durch die Kombination von Kleidungsstücken und sog. Accessoires zum Ausdruck gebracht. Der modere Mensch in der Konsumgesellschaft kauft sich gezielt einzelne Teile, die er dann zu seinem Stil zusammenstellt. Dabei ist es wichtig, dass weite Spektrum der Bekleidungsformen, zu möglichst originellen Kombinationen zu nutzen. Teile aus den gerade aktuellen Moden werden gerne mit alten Stücken (retros) zusammen getragen. Wichtig sind auch differenzierte Kenntnisse über teure Markenartikel (Brand namens), deren Logos möglichst sichtbar getragen werden.


Ein Dokumentarfilm aus den Slums amerikanischer Großstädte zeigte arme Jugendliche, die betonten, wie wichtig es ihnen ist Kleidung - vor allem Schuhe - der Sportartikelhersteller (addidas, niki etc) zu tragen, die sie sich eigentlich garnicht leisten können. In der Konsumgesellschaft ist der Besitz teurer Markenartikel nicht mehr das Privileg der Wohlhabenden. Fast jeder Mann und jede Frau kann Luxusartikel als Second-Hand-Ware erwerben. Man kann so weit gegeben, festzustellen, dass das demonstrative Tragen "exclusiver" Kleidung für den sprichwörtlichen "Otto Normalverbraucher" zum Ausdruck seiner Freiheit, seiner Ansprüche auf "Respekt" geworden ist. Im Gegenzug haben die Reichen, die sich eigentlich die teuren Kleidungsstück problemlos leisten könnten, damit angefangen Kleidung zu tragen, die auf den ersten Blick ärmlich und abgetragen zu sein scheint. Ein Beispiel dafür sind die sündhaft teuren Jeans, die künstlich gealtert und mit Löchern und Schmutzflecken versehen wurden. Der moderne Manager, der etwas auf sich hält, entledigt sich in seiner Freizeit demonstrativ seiner Arbeitskleidung ( dem korrekten Anzug mit Hemd und Krawatte) um in seine Freizeitkleidung zu schlüpfen, die aus demonstrativ unauffälligen Markenartikeln beseht, deren Preis nur dem Insider bekannt ist. Ich nutze immer wieder gerne meinen Presseausweis, um an den für den Publikumsverkehr geschlossenen Tagen, die "Art Basel" zu besuchen. Dort kann man dann reichen Menschen sehen, die mehr Geld besitzen, als sie ausgeben können. Interessant ist dabei für mich deren Kleidung, die sich häufig über alles hinwegsetzt, was gerade in der Konsumgütermode angesagt ist und doch - vor allem durch die Qualität der Materialien - ihre Wirkung entfaltet.


Kommen wir zurück auf die Beantwortung der Stilfrage bei Jugendlichen in Baden- Württemberg. Auf die Frage "Was trägst Du am liebsten?" antwortete die eingangs zitierte Nora "Ein typisches Outfit besteht bei mir aus engen Jeans oder Röhrenhosen und dazu weiten, lockeren T-Shirts. Im Sommer habe ich luftige und kurze Oberteile gerne. Ich hatte diesen Sommer ein Lieblingstop, das bauchfrei geschnitten und rot-weiß-getreift war. Dazu habe ich High-Waist-Shorts getragen, damit man nicht ganz so viel Haut sieht. Kleider oder Röcke ziehe ich seltener an, Jeans und Shorts sind einfach eher mein Ding und sehen genauso feminin aus..." Auf die Frage "Welches Kleidungsstück würdest Du nie hergeben?" antwortete Nora "Da ich für die meisten Klamotten länger spare, würde ich eigentlich nichts gerne hergeben, da mir alles irgendwie am Herzen liegt."


Zu allen Interviews wird ein Ganzkörperfoto des bzw. der Interviewten abgedruckt. Auffallend ist, dass die Kleidung der abgebildeten Personen für mich, als - nicht hinreichend informierten - Außenseiter, irgendwie gleich und unauffällig aussieht. Wenn ich die Interview den Bildern zuordnen müsste, wäre ich überfordert: die außerordentlich elaborierten Stilbeschreibungen lassen sich in den Fotografien nicht wieder erkennen. Das Stilverständnis ist wohl vor allem etwas, was sich in den Köpfen der Jugendlichen abspielt, dort aber - offenkundig - eine große Bedeutung hat.


Ohne Zweifel hat Kleidung für den modernen Menschen in den Konsumgesellschaften eine besondere Beachtung bekommen, die vielfältig zur Selbstdarstellung genutzt wird. Dem kann man sich nur schwer entziehen. Somit muss ich bekennen, dass auch ich meine Bekleidung bewusst auswähle und der jeweiligen sozialen Situation anpasse. Mein Selbstverständnis ist allerdings davon weitgehend unabhängig - zumindest bilde ich mir das ein. Aber auch das ist wahrscheinlich nicht besonders originell - zumindest ist es mir bewusst.


Jürgen v.Troschke 

 

Great Expectations

  (Waiting for the turn of the Year 2010/2011)


Life is embedded in a space of time,

in which we are waiting.


Waiting for the very beginning,

waiting for mothers breast,

waiting for birthdays,

waiting for gifts and gratifikations,

waiting for breakfast, lunch and dinner,

waiting for the seasons,

waiting for examinations and their results,

waiting for qualifications,

waiting for friendship and love,

waiting for satisfaction,

waiting for the waiter or the waitress,

waiting for holidays,

waiting for Godot,

waiting for enlightenment,

waiting for the paradise,

and waiting for the very end.

 

Often we where frustrated,

and seldom satisfied.

- Is this the meaning of life ?

 

The insight is,

to resist the feeling of waiting,

every time,

when it arise.

 

J.v.Troschke in Marrakech

 

 

 

Ein Reiseerlebnis 

 

Der beliebteste Maler der Deutschen

 

"Der beliebteste Maler der Deutschen" ist, wie die Bild-Zeitung am 23.September 2010 in einem Artikel berichtet, Carl Spitzweg (1808-1885) mit seinem "bekanntesten Bild" und "schönsten Werk" "Der arme Poet" (1839), das von der Zeitung so kommentiert wird : " Der unverdrossene Verseschmied aus der kalten Dachkammer, Regenschirm über dem Matratzenlager, Floh zwischen den Fingern, Manuskripte im Ofen, gilt als der sympathischste Geistesarbeiter im Land der Dichter". Nach einer Umfrage ist dieses Bild dasjenige,  welches "die Deutschen am meisten lieben - gleich nach der Mona Lisa von Leonardo da Vinci".

Nehmen wir einmal an, das wäre wirklich das Ergebnis einer repräsentativen Studie, was würde das aussagen über den Kunstverstand  der Mehrheit der Bevölkerung Deutschlands in unserer Zeit?

Da ist zuerst einmal die Erwartung, ein "richtiger" Künstler habe arm zu sein, vielleicht nicht  so arm wie die sprichwörtliche Kirchenmaus,  aber auf jeden Fall ärmer, als der in in öffentlichen Medien so viel zitierte Harz IV Empfänger. Das könnte man als Protest interpretieren gegen den Kunstmarkt und die Berichte über den Reichtum von Künstlerstars und die hohen Geldsummen, die bei Auktionen für ihre Werke gezahlt werden. Wahre Kunst hat "brotlos" zu sein, so dass man als gut situierter Bürger den Künstler zwar bewundern, sich aber gleichermaßen selber als "etwas Besseres" erleben kann.Der Künstler, den man beachtet, der aber doch eindeutig in der sozialen Hirarchie als unter einem stehend erleben kann.

Ein eigenartiges Paar hat der Zufall  der Demoskopie da zusammen gebracht - die edle Mona Lisa des Fürstenmalers Leonardo da Vinci und den von einem gelernten Apotheker dargestellten "Habenichts".Das passt zu den Ansprüchen  "ausgleichenden Gerechtigkeit" im Sozialstaat. Da wird der "unbezahlbare Preis" des Porträts einer Frau zusammen gebracht  mit dem wohl eher mittelmäßigen Gebot, welches das Bild des armen Künstlers von Spitzweg bei einer Auktion erzielen dürfte; wohl auch, weil der Geschmack des Volkes nicht unbedingt dem derjenigen entspricht, die das Geld haben, auf Auktionen Höchstpreise für Bilder zu zahlen.

Die BILD-Zeitung charakterisiert den von Spitzweg gleichermaßen liebevoll wie putzig dargestellten alten Mann als "sympathischsten Geistesarbeiter", was als indirekte Kritik dieser Zeitung an den Intellektuellen im Allgemeinen verstanden werden kann, aber auch deutlich macht, dass die Journalisten und Redakteure dieser Zeitung, die mit Sicherheit mehr verdienen, als der auf dem Bild dargestellte Denker, selber nicht den Anspruch haben, sympathische Geistesarbeiter zu sein, die ihre Manuskripte im Ofen verfeuern müssen.

Wie sagte schon Theodor W.Adorno in seiner "Ästhetischen Theorie" ?  "Kaum etwas dürfte in den Kunstwerken getan oder erzeugt werden, was nicht sein wie immer auch latentes Vorbild in gesellschaftlicher Produktion hätte. Die verbindende Kraft der Kunstwerke jenseits des Bannkreises ihrer Immanenz gründet in jener Affinität".

 

Am 23.9.2010 im ICE auf der Fahrt zum Marathon in Berlin       

 

 

Die 7 Todsünden in der bildenden Kunst


In der Menschheitsgeschichte hat das Konzept der Sünde als Regulativ für individuelles Verhalten und soziales Handeln eine zentrale Bedeutung. Alle Kulturen gründen sich auf eine Schöpfungsgeschichte in der höhere Mächte den Menschen geschaffen und Regeln für das Leben auf dieser Welt vorgegeben haben.

Für die Einhaltung dieser Vorschriften wurden göttliche Belohnungen versprochen. Abweichendes Verhalten dagegen wurde als Sünde bewertet, verbunden mit der Androhung von Strafen für die Schuldigen.  

Die Kunst hatte lange Zeit die Aufgabe, diese Ordnung der Welt anschaulich zu machen und damit zur Sozialisation beizutragen.

Mit der Entwicklung der modernen Gesellschaft wurden traditionelle Werte und Normen grundsätzlich in Frage gestellt. Der Schöpfungsglaube wurde durch die Gesetze der Naturwissenschaft ersetzt. Die Macht, Gesetze zu erlassen und Regelverstöße zu bestrafen, wurde auf die vom Volk gewählten Repräsentanten übertragen.

Der Mensch der Moderne ist gehalten, sich selbst zu verwirklichen. Mit der Säkularisierung hat die Sünde scheinbar an Bedeutung verloren, wobei festzustellen ist, dass sie im öffentlichen und privaten Leben immer noch vorhanden ist und unser Verhalten beeinflusst.

Mit diesem Phänomen befasst sich eine Ausstellung in Bern, die gemeinsam vom Kunstmuseum und dem Zentrum Paul Klee organisiert wurde - unter dem Titel „Lust und Laster. Die 7 Todsünden von Dürer bis Nauman“.

Die katholische Kirche unterscheidet zwischen leichten, lässlichen Sünden und schweren, den Haupt- oder Todsünden, die so genannt werden, weil sie nach dem Tod im Jenseits mit Höllenqualen bestraft werden, wenn sie nicht vor einem geweihten Priester, in Stellvertretung Gottes, gebeichtet, von diesem mit eine Sühne belegt und damit „entschuldigt“ werden.

Die Deutsche Sprache ordnet die Welt mit der Verwendung von Geschlechtsworten (Artikeln), die den Begriffen vorangestellt werden, in männlich, weiblich, sowie sächliche Phänomene; d.h. bezogen auf unser Thema: der Gott, der Teufel und der Mensch - das Gebot und das Verbot - die Sünde, die Schuld, die Strafe, die Sühne und die Vergebung. Von den Todsünden sind demnach 4 männlich und 3 weiblich.

 

Welche der 7 Todsünden können Sie noch benennen, welche scheinen Ihnen noch zeitgemäß zu sein und welche bewerten Sie als besonders verwerflich ?

 

Die Ursünde, die Wurzel allen Übels, ist nach der christlichen Lehre der Hochmut (lat. Superbia), die Anmaßung des Menschen, so zu sein wie Gott. Sie war der Grund für die Vertreibung aus dem Paradies und ist seitdem die Ursache für Prunksucht und Überheblichkeit, Eitelkeit und narzisstische Selbstgefälligkeit. Ihr verwandt ist der Geiz (Avarita), die Besitzgier des Haben-wollens, verbunden mit der Unfähigkeit zum Abgeben und Teilen. Dem gegenüber steht der Neid (Invidia). Nicht nur in allzu oft unangemessen idealisierten „guten alten Zeit“, sondern auch noch heute ist der (Jäh-)Zorn (Ira) eine Untugend, insbesondere, wenn er mit physischer oder psychischer Gewaltausübung verbunden ist.

Damit haben wir 4 der auch noch in unserer Zeit verbreiteten schweren Sünden benannt. Welcher fehlen noch? Richtig – die Trägheit (Acedia), die Faulheit mit der damit verbundenen trübseligen Antriebslosigkeit. „Müßigkeit ist aller Laster Anfang“ verkündete schon eine alte Volksweisheit. Die Völlerei (Gula) im Mittelalter auch als Frestigkeit (Fresssucht) bezeichnet ist heutzutage, wie epidemiologische Statistiken belegen, weit verbreitet. Last but not least ist die Wollust (Luxuria) anzuführen, die Unkeuschheit mit unzüchtigen Gedanken und Darstellungen des weiblichen und männlichen Geschlechtes.

Im Mittelalter waren Bilder mit der Darstellung der 7 Todsünden weit verbreitet, wobei Tiersymbole zur Veranschaulichung dienen sollten. Der Hochmut wurde als Pfau, der Geiz als Kröte, der Neid als Schlange, der Zorn als wilder Wolf, die Trägheit als Esel, die Völlerei als Schwein und die Wollust als Ziegenbock dargestellt.

Hin- und Hergerissen zwischen den Verführungen des Lasters und den Ermahnungen der Tugenden leidet der Mensch unter seiner Fehlbarkeit und der damit verbundenen Angst vor Bestrafungen. Andererseits bleibt die Sehnsucht nach der Lust, die mit der Übertretung der Vorschriften verbunden ist, die sich vor allem auch dadurch einstellt, dass man sich mit der Normabweichung als autonom, als selbstbestimmt und damit frei erleben kann.

Der Künstler, der Todsünden darstellen will, hat eine schwierige Aufgabe. Sünden sind Taten. Das Kunstwerk muss somit Menschen bei ihrem sündigen Verhalten zeigen und zwar so, dass dieses vom Betrachter eindeutig und unmissverständlich als verwerflich wahrgenommen wird. Dabei besteht immer das Risiko, dass das, was gebannt werden soll, erst durch seine Darstellung ins Bewusstsein kommt und damit seine verführerische Wirkung entfalten kann. Das gilt insbesondere für die Todsünde der Unkeuschheit, bei der die anzügliche Darstellung der Geschlechtlichkeit leicht das Gegenteil der intendierten Wirkung auslösen kann. So konnte ich einmal auf einem Dorfmarkt in Indonesien erleben, wie ein missionierender Prediger von Männern umringt war, die höchst interessiert die „sündigen Bilder“ aus der Männerjournal „Playboy“ betrachten wollten, die dort als Demonstration der Verwerflichkeit unreligiöser, westlicher Lebensart gezeigt wurden. Ein gleiches, ambivalentes Interesse kann bei unseren Vorfahren bei der Betrachtung der klassischen Darstellung von „Susanna im Bade“ vermutet werden. In der Ausstellung im Zentrum Paul Klee gibt es einen Bereich, welcher der Todsünde der Wollust gewidmet ist, mit einem abgetrennten Raum vor dem ein Schild den Besucher warnt „Im folgenden Raum sind Werke ausgestellt, die pornographischen Charakter aufweisen. Es handelt sich dabei um Kunst mit schutzwürdigem kulturellen Wert“.

Moderne Kunst hat den Anspruch auf uneingeschränkte künstlerische Freiheit, ja geradezu die Verpflichtung jegliche Tabus und Eingrenzungen zu erkennen, um diese dann demonstrativ zu überschreiten. Der dadurch ausgelöste Protest wird geradezu als Bestätigung erlebt. Allerdings mit einer Einschränkung. Während in früheren Zeit allein das Werk wichtig und das Interesse am Künstler, der es hergestellt hat, eher gering war wird heutzutage der Künstler zum Schöpfer stilisiert mit der Folge, das es als Todsünde erlebt wird, wenn das Urheberrecht verletzt und Werke kopiert und „gefälscht“ werden.

Allgemein lässt sich feststellen, dass die Medizinische Wissenschaft mit ihrer Gesundheitserziehung in vielen Bereichen die Rolle der Kirche übernommen hat. Dabei geht es nicht mehr um die Drohung mit Höllenqualen nach dem Tod, sondern um die Beschreibung von Gesundheitsrisiken im Leben auf dieser Welt, verbunden mit drastischen Darstellungen möglicher Krankheitsfolgen und der Androhung einer Lebenszeitverkürzung. Während dem Menschen vor der Aufklärung damit gedroht wurde, für sein unbotmäßiges Verhalten im Jenseits bestraft zu werden, wird dem Menschen der Moderne mit dem Leidenmüssen im Diesseits Angst gemacht.

Auffallend ist, dass auch noch in den in Kunstwerken der Moderne das Verwerfliche ebenso wie das Verführerische zumeist eher aggressiv dargestellt wird. Die Tugend der Mäßigkeit als Korrektiv zwischen Gut und Böse wird nur selten sichtbar.

Dabei scheint es vor allem darauf anzukommen, Fähigkeiten zu entwickeln, um in unterschiedlichen Lebenssituationen souverän und selbstverantwortlich Grenzen wahrzunehmen und die möglichen Freiräume für Lebenserfahrungen zu nutzen, ohne damit sich selbst und anderen Menschen Schaden zuzufügen.

Wer nicht nach Bern fahren kann oder will dem ist der reich bebilderte Katalog mit seinen weiterführenden Essays zu empfehlen, ebenso wie das Buch von G,Schulze über die Bedeutung der Sünde in unserer Zeit.

  

J.v.Troschke

„Lust und Laster. Die 7 Todsünden von Dürer bis Naumann“ bis 20.2.2011 im Kunstmuseum und im Zentrum Paul Klee in Bern

W.Schulze, „Die Sünde. Das schöne Leben und seine Feinde“, Frankfurt 2008